Tokyo Rinkai Disaster Prevention Park

Endlich war es soweit! Der erste Ausflug mit unserer JLSP-Klasse! Von Beginn an hatten wir uns auf den heutigen Tag gefreut und haben in der Kulturklasse einiges dafür gelernt.

Damit wir noch Zeit hatten zu Mittag zu essen, hörten unsere Sprachklassen heute etwas früher auf, bevor es dann geschlossen nach Koto-ku zum Katastrophenzentrum ging. Auf dem Weg dorthin sind wir zufällig einem Sumo-Ringer begegnet, der auf den Bus gewartet hat. Ziemlich beeindruckend, wenn man um die Ecke biegt und dann auf einmal einem solchen Giganten gegenübersteht. Ich habe noch heimlich ein Foto gemacht, bevor ich wieder zu den anderen aufgeschlossen hatte.

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Heimlich von der Seite… Schade, dass niemand zum Vergleich nebendran stand.

Von der Station sind wir ein paar Minuten gelaufen, bis wir dann schließlich am Gebäude angekommen sind. Auf dem Weg dorthin hat uns Ville mit dem Vortrag eines finnischen Raps bereichert und Frieder mit Anekdoten aus Rumänien.

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Das Gebäude von außen.

In der Vorhalle scheuchte unser Sensei uns erstmal in eine Ecke, damit er sich um die Formalitäten kümmern konnte. Geschickterweise hatte er uns dorthin gelotst, wo Fotowände standen und uns erstmal ablenkten.

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Wunderschön: Frieder und Nadja, bereit die Welt zu retten.

In Japan sind generell alle immer ganz versessen darauf, Erinnerungsfotos zu machen. Während in Deutschland immer alle innerlich aufstöhnen, wenn ich meine Kamera aus der Tasche ziehe, haben hier alle schon ihre eigene griffbereit und ich kann mich entspannt zurücklehnen. Danke. The photographer is satisfied.

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Der Beweis: Wir waren dort! (Photocredit: Nihon University)

Kurz nach unserer Foto-Session hat uns eine Dame dann aufgesammelt und sich auf Japanisch vorgestellt. Gut, es würde heute also alles auf Japanisch erklärt werden, wie wunderbar. A-Class hat einheitlich gejubelt. Nicht.

Los ging es dann mit einem kleinen Film. Dafür wurden wir in einen gemütlichen Kinosaal geführt, wo wir uns in kleine Sitze gezwängt haben. Obwohl ich jetzt nicht besonders groß bin, hatte sogar ich Probleme meine Gliedmaßen in der Sitzreihe zu verstauen. Ich will nicht wissen, wie es Aske oder Frieder ergangen sein muss.

Der Film handelte von einem kleinen Mädchen, das in Tokyo aufwächst und sich mit der drohenden Gefahr eines Erdbebens auseinandersetzen muss. Da sich Japan auf dem Pazifischen Feuerring befindet, wo die Kontinentalplatten von Zeit zu Zeit aneinanderstoßen, bebt die Erde hier verhältnismäßig oft – bis zu 5.000 Mal im Jahr. Viele werden sich an 2011 erinnern, an die Fukushima-Katastrophe. Ausgelöst hatte diese damals das Tōhoku-Erdbeben, mit einer Stärke von 9,0 Magnituden auf der Richterskala. Seit damals erschüttern immer häufiger Erdbeben das Land und auch den Großraum Tokyo. Experten warnen davor, dass innerhalb der nächsten 100 Jahren das nächste große Erdbeben erwartet werden muss – „The Big One“.

Daher versucht das Land seine Bevölkerung auf den Ernstfall vorzubereiten. Regelmäßig werden in Schulen, Kindergärten, Firmen, Vereinen und in Nachbarschaftsvereinigungen, Katastrophenübungen durchgeführt. Schon von Kindesbeinen an werden Japaner darauf trainiert, wie sie sich im Ernstfall zu verhalten haben.

Nachdem wir den Film zu Ende geschaut hatten, führte uns unsere Betreuerin in ein anderes Stockwerk. Auf jedem Flur befindet sich ein anderer Katastrophenraum, wo die jeweiligen Hintergründe, Folgen und Gegenmaßnahmen erklärt werden.

Die erste Station war „Feuer bekämpfen“. Wir bekamen gezeigt, wie wir im Notfall auf uns aufmerksam machen würden (Feuer! Kasai – 火災 / Bitte helfen Sie mir! Tasketekudasai – 助けてください), welche Nummern anzurufen wären (Ambulance – Dial 119, Fire – Dial 119, Police – Dial 110) und wie man einen Feuerlöscher richtig benutzt. Sie führte es uns einmal vor und teilte uns darauf in zwei Gruppen ein, damit wir den Ablauf einmal selbst üben konnten.

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Der Brand wurde bekämpft. (Photocredit: Nihon University)

Dann ging es weiter in den nächsten Flur: Rauchsimulation. Wie verlässt man ein Gebäude, in dem sich bereits Rauch ausgebreitet hat? Da sich der Rauch im Gang zuerst oben ansammelt, soll man sich gebückt fortbewegen, mit der Hand oder einem Stofftuch den Mund und die Nase abdecken, und sich mit der freien Hand an den Wänden entlang zum Ausgang tasten. In den meisten Gebäuden befinden sich Notausgangsschilder, denen man in einem solchen Fall unbedingt folgen sollte.

Auch hier wurden wir wieder in zwei Gruppen aufgeteilt und konnten der jeweils anderen bei ihrer Übung zusehen. Wir wurden in einen dunklen Raum hineingelassen, in dem wir kaum etwas sehen konnten. Lediglich das Notausgangschild hat geleuchtet, dem wir dann gefolgt sind. Hinter der Tür befand sich ein kleiner Gang, der mit Rauch gefüllt war (natürlich kein richtiger Rauch), in dem wir nacheinander uns vorangetastet haben. Hatten wir es durch diesen Gang geschafft, kamen wir in einem pechschwarzen Raum (siehe Bild unten) und musste in völliger Dunkelheit den Weg nach draußen finden. War alles halb so schlimm, da die Räume sehr klein waren.

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Fabian in seinem Element. (Photocredit: Nihon University)

Allmählich fühlten wir uns für den Ernstfall gewappnet. Was aber war zu tun, wenn jemand anderes verletzt oder bewusstlos war? Dafür wurden wir wieder in den nächsten Raum gebracht: Reanimierung!

Wir kamen in einen riesigen Raum, der mit blauen Matten ausgelegt und mit zahlreichen Übungspuppen und Plastikkästen ausgestattet war. Wie für Japan üblich, sollten wir vorher unsere Schuhe ausziehen, bevor wir uns Plätze aussuchen durften.

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Schuhe ausziehen, nicht vergessen!

Da die Erklärungen auch hier wieder ausschließlich auf Japanisch waren, musste wieder die geballte Improvisierungspower der A-class herhalten. Frieder hatte es sich an der Seite bequem gemacht, Ville starrte die Betreuerin verständnislos an und imitierte einfach, was Nadja machte. Ich hatte die besondere Ehre, dass sich unser Sensei zu mir gesetzt hat und mir jeden Schritt auf Englisch übersetzt hat. Und so durfte ich zum ersten Mal jemanden elektroschocken. Wie. Im. Film.

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Hier haben wir es noch manuell probiert, die Puppe zum Leben zu erwecken. (Photocredit: Nihon University)

Schließlich kamen wir aber zum Highlight unseres Besuchs. Wir wurden ins Erdgeschoss in einen hohen Raum geführt. Links waren einige Zuschauerbänke und auf der rechten Seite befand sich ein kleines Zimmer auf einer Empore, das von von allen Seiten gesichert war. Ausgestattet war es mit einer kleinen Küchenzeile, ein paar Schränken und in der Mitte stand ein Tisch. Wir wurden aufgeregt. Trotz aller Katastrophen die passieren können, war dieser Raum der eigentliche Grund, warum wir hergekommen waren.

Bevor es wieder an die Praxis ging, bekamen wir noch verschiedene Hinweise und Verhaltenstipps. Das meiste kannten wir bereits. Unser Sensei hatte uns auf diesen Raum besonders gut vorbereitet. Ihm stand die Sorge ins Gesicht geschrieben. Bei jeder Gelegenheit hat er uns gewarnt, dass wir ja aufpassen sollten. Letztes Mal schien sich ein Mädchen stark am Kopf verletzt zu haben. Deswegen übersetzte er auch hier nochmal jedes Wort für Ville und mich. Und ja, er neigt auch sonst gerne zum Überdramatisieren.

Dann war es soweit. Wir wurden wieder aufgeteilt, diesmal in Zweier-Teams. Fabian und Nadja gingen als erstes auf die Empore und kurz darauf waren Ville und ich an der Reihe. Die Leiterin stellte uns gegenüber in den Raum, erklärte uns nochmal was auf Japanisch (wir verstanden beide natürlich alles) und schloss dann die Klappe hinter sich. Ville und ich standen im Raum und grinsten uns nervös an. Dann ging es los. Ganz leicht fingen die Wände an zu zittern und im Bruchteil von Sekunden wackelte der ganze Raum mit einer Stärke, dass wir uns kaum noch auf den Beinen halten konnten. Wie gelernt, hechteten wir beide zum Tisch, versteckten uns darunter und griffen nach den  Tischbeinen. Kaum das wir unten waren, stürzte der Schrank auf meiner Seite um und blieb dort liegen, wo ich eben noch gestanden hatte. Der Raum bebte noch einige Sekunden und wir versuchten beide nirgends mit dem Kopf dagegen zu schlagen. Schließlich ebbte das Beben langsam ab und wir kletterten unter dem Tisch hervor. Der erste Griff galt dem Kissen, um unsere Köpfe zu schützen. Dann, wie abgesprochen, schaltete ich den Strom ab, während Ville die Tür öffnete, um eine Fluchtmöglichkeit zu schaffen. Und schon war die Erdbebensimulation der Stärke 7 vorbei.

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Dreamteam. (Photocredit: Nihon University)

Klar, hier hat die Simulation ein wenig Spaß gemacht und es hat alles reibungslos funktioniert. Allerdings waren wir auch darauf vorbereitet, was passieren würde, hatten uns genau abgesprochen und der Raum war minimalistisch eingerichtet. Wenn aber ein solches Beben plötzlich im Alltag passieren würde, dann würden wir wohl ziemlich alt aussehen.


Nachdem wir gemeinsam die zahlreichen Katastrophen unbeschadet überlebt hatten, fühlten wir uns als Helden und beschlossen noch gemeinsam nach Akihabara zu fahren.

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Katastrophensimulationen schweißen zusammen.

Während die Jungs danach schon wieder viel zu erschöpft waren, waren Nadja und ich noch hellwach und im Abenteuermodus. Wir überredeten Fabian noch mit in eine Karaokebar zu gehen und fuhren im Anschluss zu zweit weiter nach Shinjuku, um uns ein wenig umzusehen und zu Abend zu essen.

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Leicht verwirrt dreinschauend, aber die Umgebung ist schön.

Später am Abend trafen wir uns mit den Jungs wieder, die noch einige andere aus ihrem Wohnheim zusammengetrommelt hatten. Trotz des riesigen Bahnhofs (ja, wir waren wieder an meiner „heißgeliebten“ Shinjuku-Station) fanden wir uns recht schnell. Ziel war eine Bar, die ich heute vermutlich nicht mehr alleine wiederfinden würde. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass wir durch enge Hintergassen gewandert sind, an Mülltonnen vorbei, eine kleine Feuertreppe in den siebten Stock hinaufgeklettert sind und oben im Gänsemarsch durch die Küche eines Restaurants gewandert sind – und auf einmal in einer richtig hübschen kleinen Bar standen. Tatsächlich gewöhnt man sich sehr schnell daran, in Japan nichts mehr zu hinterfragen, sondern einfach zu akzeptieren, wie es ist.

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Fotogen war ich an diesem Tag leider wirklich so gar nicht! -lach-

Wir sind recht lange in der Bar geblieben und erst gegen halb eins nachts rausgegangen. Nadja und ich waren ziemlich müde und verabschiedeten uns, um uns zusammen auf den Heimweg zu machen – und wussten nicht das wir nur Sekunden davon entfernt waren, die wohl wichtigste Lektion für das Leben in Tokyo zu lernen :

Ihr wisst aber schon, dass die Züge nach Mitternacht nicht mehr fahren?

….. Ich möchte das jetzt kurz sacken lassen. In Tokyo. In einer Großstadt. Einer Stadt, die mehr Einwohner als New York City hat. Verkehren keine Züge mehr zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens. Ernsthaft.

Wir haben tatsächlich drei Wochen gebraucht um das mitzubekommen. Bisher hatten wir dank unseres Jetlags und der Uni nur wenig Lust abends noch lange wegzugehen. Glücklicherweise konnten wir uns an die Jungs halten, die beschlossen für die Nacht einen Raum in einer Karaokebar zu mieten und singend durchzumachen. Nadja und ich haben die meiste Zeit in der Ecke gesessen und eiskalt durchgeschlafen. Gegen fünf Uhr sind wir dann mit dem ersten Zug heimgefahren. Immerhin, eine Erfahrung mehr auf unserem Japankonto. Und einen neuen Freund mehr.

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Das letzte Foto, bevor mein Energydrink aufgehört hat zu wirken.

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