Ahnungslos!

21. Januar. Hatte mit Abstand eines der unangenehmsten Erlebnisse meines bisherigen Lebens. Unser Dorm-Manager hatte uns gebeten gegen die Mittagszeit an einem kleinen TV-Interview teilzunehmen. Mehr Informationen gab es nicht und wir haben angenommen, es würde sich um eine kleine Befragung vor der Kamera in unserer Wohnheim-Küche handeln und es würde vielleicht 15-20 Minuten dauern.

Falsch gedacht.

Stattdessen wurden wir an das andere Ende von Tokyo geschickt, was 45 Minuten Zugfahrt bedeutete und die Tickets mussten wir selbst bezahlen. Eine japanische Studentin, die gebeten wurde mitzukommen, wusste genauso wenig und hatte von unserem Dorm-Manager nur eine Adresse in die Hand gedrückt bekommen, zu der sie uns alle bringen soll. Von unserem Wohnheim waren wir somit 8 Mädels, die zu einer ungewissen Mission aufbrachen.

sdr
Immerhin der Ausblick war schön!

Vor Ort angekommen, kam uns ein Crew-Mitglied entgegen und brachte uns zu einem Hotel, vor dem eine Gruppe Japaner in edlen, teuren Markenanzügen bereits auf uns wartete. Da ich angenommen hatte, wir müssten nur mal kurz runter in die Küche gehen und ich würde ohnehin nicht vor die Kamera müssen, hatte ich einfach meine Schlabberklamotten angelassen. Allmählich bekomme ich das Gefühl, dass ich in meiner Tagesplanung entweder sehr schlecht oder einfach nur ein großer Pechvogel bin, was Kleidungsauswahl angeht… Ich fühlte mich also alles andere als wohl, in meiner Leggings und meinem Schlabberpulli, wie uns die Japaner so musterten.

Natürlich reichte das aber nicht. Es musste eine Steigerung der Peinlichkeit geben.

Wir wurden in das Hotel hineingelotst (natürlich immer noch ahnungslos, was da jetzt auf uns zukam) und fanden uns auf einmal in einer großen Halle wieder, wo sich bereits circa 50-60 Japaner/innen befanden. Alle Augen in der Halle waren auf uns gerichtet und jeder stand auf Position. Zu unserer Rechten standen etwa 25 junge Japanerinnen, wie zu einem Chor aufgereiht und an der gegenüberliegenden Wand hatte sich eine gesamte Filmcrew aufgebaut, die mit Lampentechnik, Mikrofonen und Videokameras herumhantierten.

Ich hätte am liebsten auf dem Absatz kehrtgemacht.

Es war aber keine Zeit für große Erklärungen. Wir wurden aufgefordert schnell unsere Schuhe gegen Hauspantoffeln einzutauschen und wurden dann zwischen die Japanerinnen geschoben. Wie gesagt, keine Erklärungen, einfach nur „Dahin bitte. Und ab jetzt bitte lächeln!“

Völlig perplex standen wir also in der Gruppe drin, wurden von allen beäugt und hatten überhaupt keine Ahnung, was da gerade vor sich ging.

Kurz darauf kam die Gruppe Anzug-Menschen durch die Tür hinein und in ihrer Mitte befanden sich zwei normal gekleidete Japaner und eine sehr hübsche Japanerin. Sie unterhielten sich und es wirkte alles wie in einer Comedy-Show, da die ganze Zeit gute-Laune-Witze gerissen wurden und alle extra laut auflachten. Zwischendrin wurde auf uns gezoomt und wir mussten begeistert lächeln und klatschen. Unser Lächeln war vermutlich ziemlich verkrampft, aber die Kameraleute schienen zufrieden und nachdem die (wie sich kurz darauf herausstellte) drei Moderatoren einmal kurz durch unsere Reihen gegangen sind und jedem von uns die Hand gaben, wurden wir in einen anderen Saal geschoben. Es war ein Speisesaal, der zu einem Fernsehstudio umfunktioniert wurde und wir wurden teilweise auseinander geschoben und auf Zuschauersitze gesetzt.

Die folgenden drei Stunden waren eine einzige Tortur.

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Unsere Sicht auf das Geschehen. Überall besorgte Blicke.

Die Moderatoren unterhielten sich in einem schnellen Japanisch und ich verstand kein einziges Wort. Immer wieder lachten alle auf und die Kameras zoomten auf die einzelnen Gesichter. Zusätzlich wurden Zuschauer ausgewählt, die auf Japanisch befragt wurden und daraufhin nicht nur einen Satz sagen mussten, sondern sich vorstellen mussten UND vom Moderatoren-Team ausgefragt wurden. Somit konnte ich nicht einmal die Sendung wortlos über mich ergehen lassen, sondern war im stetigen Alarm-Modus, ob ich nicht gleich aufgerufen werden könnte. Zu diesem Zeitpunkt war mein Japanisch in so einem schlechten Zustand, dass ich es vorgezogen hätte, schreiend aus der Halle zu rennen, anstatt zu antworten. Es galt also die stetige Gefahr und Angst als japanisches Meme in diesem Raum zu enden.

Keine Chance zur Flucht.

Insgesamt wurden wir von 13 bis 16:30h dort behalten und in zwei kleinen Pausen zwischendrin, konnte ich mich zumindest etwas beruhigen, als ich sah das die anderen Mädels teilweise genauso ratlos und panisch wie ich reagierten. Zurück auf dem Stuhl hat es meinen Puls jedoch nicht unter 180 gehalten.

Wer jetzt sagt, eine vollkommene überzogene Reaktion, was ist denn schon dabei – den möchte ich bitte demnächst in genau derselben Situation wiederfinden – in einer anderssprachigen Comedy-TV-Show, in einem fremden Land,…………… IN SEINEM PYJAMA !!

Immerhin haben wir diese Zeit dann doch überstanden (sogar ohne sprechen zu müssen) und durften uns dann schnellstmöglich vom Acker machen. Hinterher habe ich dann erfahren, dass es wohl in der Fernsehsendung um „Das Leben in einem Wohnheim in Japan“ ging, aber.. es war während der Aufnahme so abstrus und arg in die Comedy-Richtung abgedriftet, dass ich mir wirklich keinen Reim darauf machen kann, wer sich so etwas freiwillig anschauen möchte. Ich habe auch keine Ahnung wer diese Menschen waren oder unter welchem Namen das ganze gelaufen ist. Sollte das hier jemand lesen und zufällig wissen, welche Sendung das war… bitte Nachricht an mich! DANKE!

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Zumindest hinterher hatten wir dann aber doch Spaß zusammen!

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