Ernst des Lebens, trifft Vergnügung

„Du bist doch nicht zum Spaß nach Japan gegangen! Musst du nicht auch mal in die Uni?!“ Ja, ja. Ich muss auch mal in die Uni. Allerdings fängt die erst nächste Woche offiziell an, also ruhig Blut – kommt alles noch!

Dennoch sind wir heute zum ersten Mal an die Uni eingeladen worden, zum „Orientation Day“. Da es bereits um 9h morgens losging, machten wir uns frühzeitig auf den Weg zur Bahn. Und dort gingen wir zum ersten Mal auf Kuschelkurs mit den Japanern! Obwohl wir extra darauf geachtet haben, nicht zur Rush Hour zu loszufahren, waren die Bahnwaggons alle hoffnungslos überfüllt. Von unserem Wohnheim fährt man 30 Minuten mit der Bahn bis zur Uni und dazwischen liegen 14 Stops. An jeder Station steigen mehr und mehr Menschen ein, aber niemand aus. Nach 20 Minuten wurde es so eng, dass wir uns nicht mehr festhalten konnten, sondern einfach Mensch an Mensch gepresst, im Zug standen. Mein angeknackstes Bein war begeistert. Auch ich freue mich sehr auf die Aussicht, die nächsten Monate jeden Morgen so eine schöne Zugfahrt erleben zu dürfen. Nicht.

Da wir noch etwas zu früh in Ichigaya angekommen sind, entschieden wir uns noch schnell was beim Supermarkt um die Ecke zum Frühstück für Nadja zu besorgen. In der Warteschlange für die Kasse, habe ich dann „Baumkuchen“ entdeckt! Hach, Heimat!

Für umgerechnet circa 1€, kann man eine Scheibe bekommen.

Im Verwaltungsgebäude der Uni, winkte uns der Türwächter direkt zum Aufzug durch, wo überall deutlich ausgeschildert unsere Raumnummer stand. Verlaufen war auch hier wieder kein Thema. Nachdem wir besagten Raum gefunden haben, mussten wir uns dennoch zweimal vergewissern, dass wir tatsächlich richtig waren. Obwohl es schon kurz vor Termin war, waren wir die einzigen beiden (ich hatte so mit mindestens 40 Mitstudenten gerechnet). Außerdem war unser „Raum“ ein nobler Sitzungssaal, mit Teppichboden und einem großen Rundtisch. Immerhin tauchten nach ein paar Minuten noch 4 Jungs auf. Davon kam einer von Nadjas Uni, also auch aus Dänemark, einer aus Finnland und zwei kamen -zu meiner besonderen Freude- aus Deutschland bzw Österreich!

sdr
Sind wir hier richtig?

Auch unsere Projektleiterin kam kurz darauf in den Raum und freute sich wahnsinnig uns alle kennenzulernen. In einem -für japanische Verhältnisse erstaunlich gutem Englisch- hat sie uns eine Einführung gegeben, an der kurz darauf sogar der Universitätsdirektor teilnahm. Sie erklärte uns die normalen organisatorischen Dinge wie Miete bezahlen, Fahrkarte beantragen, Uni-Ausweis ausstellen lassen etc etc. Anschließend begleitete sie uns in das richtige Universitätsgebäude und übergab uns unseren neuen Professoren. Diese waren ebenfalls sehr freundlich und sprachen ein gutes Englisch, wobei man an einigen Stellen schon sehr genau hinhören und überlegen musste,was sie denn meinen. Wir bekamen u.a. unsere Kursinhalte erklärt, das japanische Benotungssystem und welche Formalitäten noch zu erledigen wären.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde von unserer Seite , sollten wir dann an einem Sprachtest für die Einstufung teilnehmen. Dazwischen gab es eine kleine Mittagspause, in der wir uns schnell was beim Japaner um die Ecke besorgt haben (haha) , und dann ging es weiter mit dem zweiten Teil des Sprachtests. Im Anschluss gab es noch ein direktes Gespräch mit der Professorin und ein paar kleinere Formalitäten im Office zu klären, wie Foto für den Ausweis etc – und dann hatten wir endlich frei! Obwohl schon die Einführung Spaß gemacht hat, war der Sprachtest anstrengend gewesen und unsere Hirne fühlten sich völlig zermatscht an.

Da es noch früher Nachmittag war, beschlossen Nadja und ich uns gemeinsam auf den Weg in eines der ganz verrückten Viertel Tokyos zu machen: Harajuku (原宿)!

sdr
Eingang zur berühmtesten Straße des Viertels!

Harajuku war der Traum meiner Teenager-Zeit gewesen und ich bin die Straßen des Viertels so oft im Streetview-Modus von GoogleMaps auf und ab gegangen (jahaha ich hatte sonst auch nichts Besseres zu tun), dass ich vor Ort angekommen, mich direkt ausgekannt habe. Es war ein merkwürdiges Gefühl durch die Straße zu laufen, die einen so lange fasziniert hat,- fast so als wäre man selbst auf einmal in die Fotos seines tumblr-Blogs hineingeworfen worden.

sdr
Wer schonmal in London war, den wird hier vieles an Camden Town erinnern.

Das Viertel ist der Anziehungspunkt schlechthin für Jugendliche in Tokyo. In der Nähe des Bahnhofs Harajuku, der dem Ort seinen Namen gegeben hat, finden sich eine Vielzahl von Modeläden und Boutiquen. Besonders beliebt ist die たけしたどうり (Takeshita-dori) Straße. Hier finden sich über- und untereinander gestapelt bunt vermischte Läden. Es gibt nichts, was es hier nicht gibt! Regenbogen-Zuckerwatte, Visual-kei und kreischend bunte Leuchtreklamen, die in den Augen wehtun. Die meiste Kleidung die hier angeboten wird, ist sehr punklastig. Daher wird die hier verkaufte Mode auch als Harajuku-Kei bezeichnet.

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Die berühmte Boutique Liz Lisa!
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Nichts, was es nicht gibt!
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Auch „Brown“ lebt in Harajuku!

Besonders berühmt sind die Crepes aus Harajuku! Man bekommt hier liebevoll zubereitete dünne Pfannkuchen als Waffel verpackt, die mal mit Früchten, mit Kuchen oder auch mit Salat und Garnelen, zur Auswahl angeboten werden.

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Von süß bis herzhaft: Hier findet jeder was.

Da diese Crepes ein weiterer Punkt auf meiner To-Do-Liste waren, wurden auch sie begeistert ausprobiert! Ich habe mich für Strawberry-Cheesecake entschieden – und es schmeckt genauso fantastisch, wie es aussieht! Übrigens ganz wichtig zu erwähnen: Die erste Speise, die ich mich getraut habe auf Japanisch zu bestellen (UND MAN HAT MICH VERSTANDEN)!

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Strawberry-Cheesecake in der Crepe-Waffel!

Beim Bummel durch das Viertel schallte uns immer wieder Musik jeden Genres entgegen. Besonders gefreut habe ich mich aber über die permanenten Disneylieder und in einem kleinen, unbedeutenden Laden in einer Seitenstraße, erklang das Lied „Lili Marleen“ von Marlene Dietrich aus den Lautsprechern. Die Verkäuferin fand es offenbar sehr lustig, dass ich begeistert mitgesungen habe!

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sdr
Auch abends ist Harajuku taghell erleuchtet.

Wir waren bereits wieder auf dem Rückweg zum Bahnhof, als wir beschlossen noch in ein „Purikura-Land“ zu gehen. Eine ganze Halle voll mit den bunten Fotoautomaten. Allmählich gewöhnen wir uns an den Stress in dieser Fotokabine, denn die Uhr tickt gnadenlos runter, sobald man das Geld eingeworfen hat. Übrigens findet man in den großen Hallen auch immer einen kleinen Tisch, wo Scheren herumliegen. Damit können die Purikuras sofort ausgeschnitten und verteilt werden.

dav
So sieht die Bearbeitungsbox dann aus. In der Mitte wird die verbleibende Zeit angezeigt.

Auf dem Weg hinaus (wir hatten nun wirklich ganz fest vor zum Bahnhof zu gehen), erblickten wir ein großes Plakat:

sdr

Ich muss nicht weiter erwähnen, dass wir natürlich zwei Minuten später auf der Matte standen. Wir bekamen Spindschlüssel und Zeitkarten, denn der Preis wird nach Aufenthaltszeit berechnet. Im Spind haben wir unsere Kleidung und Schuhe verstaut, und an einem Automaten haben wir uns Pantoffeln gezogen. In den Räumen des Cafes herrschte munteres Treiben. Eine Vielzahl von Katzen lief aufgeregt einem Bällchen hinterher und wir standen erstmal nur mit offenem Mund da. Viele der Tiere waren noch Kätzchen und dementsprechend klein. Nachdem ich mich kurz hingekniet habe, saßen auf und neben mir bereits vier Samtpfoten, die eifrig an den Schnürren meines Cardigans herumkauten.

sdr
Katzenparadies!

Im Preis inbegriffen war ein All-you-can-Drink, was in Läden wie diesen, einen großen Getränkeautomaten meint, an dem man sich kostenlos alle möglichen Kalt- und Heißgeränke ziehen kann.

Achtung es folgt Schnuffi-Content:

Irgendwann haben wir uns dann wirklich aus Harajuku in Richtung Heimat aufgemacht, hatten aber vergessen das gerade Rush Hour war. Daher änderten wir kurzzeitig unsere Pläne um und fuhren erst nach Shibuya und besorgten noch einige Dinge im Supermarkt.

dav
Ausblick von oben…
sdr
… und von unten!

Zu meiner großen Freude haben wir hier das erste Mal das Mario Kart auf Tokyos Straßen sehen können! Man verkleidet sich als eine der Figuren, setzt sich auf sein GoKart und zusammen mit seinen Freunden düst man dann durch Tokyos Straßen. Voraussetzung ist allerdings ein gültiger, international anerkannter Führerschein. Die einzige ernste Problematik die mich davon abhält das zu machen, ist die Tatsache das in Japan Linksverkehr herrscht. Außerdem darf man seine Freunde auf der Fahrt nicht mit Schildkrötenpanzern und Bananenschalen abwerfen. Langweilig.

sdr

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